„Lords of Chaos“ Black Metal Film: Fakten, Kontroversen und der Kultstatus eines dunklen Meisterwerks
Der Black Metal der frühen 1990er Jahre in Norwegen war mehr als nur eine Musikrichtung – er war eine Bewegung, die mit Gewalt, Satanismus und einem radikalem Anti-Establishment-Gedanken verbunden war. Der Film „Lords of Chaos“ (2018) von Jonas Åkerlund, selbst ein ehemaliger Musiker der schwedischen Black-Metal-Band Bathory, taucht tief in diese düstere Ära ein. Basierend auf dem gleichnamigen Buch von Michael Moynihan und Didrik Søderlind, erzählt der Film die wahre Geschichte der Band Mayhem und der blutigen Ereignisse, die die Szene für immer prägten. Mit einer Mischung aus Fiktion und Realität wirft der Film Fragen über Kunst, Extremismus und die Grenzen der menschlichen Psyche auf.
Der Film polarisierte von Anfang an. Während einige ihn als mutige Auseinandersetzung mit einer tabuisierten Subkultur feierten, kritisierten andere seine Darstellung der Ereignisse als zu glamourös oder ungenau. Doch eines ist sicher: „Lords of Chaos“ hat den Black Metal und seine Geschichte einem breiten Publikum nähergebracht und bleibt ein faszinierendes, wenn auch umstrittenes Werk.
Key Facts
- Regie und Hintergrund: Jonas Åkerlund, ehemaliger Schlagzeuger von Bathory, führte Regie. Sein Insiderwissen verleiht dem Film eine authentische Note, die bei Fans der Szene gut ankam.
- Buchvorlage: Der Film basiert auf dem 1998 erschienenen Buch „Lords of Chaos: The Bloody Rise of the Satanic Metal Underground“ von Michael Moynihan und Didrik Søderlind, das als Standardwerk über die frühe Black-Metal-Szene gilt.
- Besetzung: Rory Culkin spielt Øystein „Euronymous“ Aarseth, den Gründer von Mayhem, während Emory Cohen die Rolle des Varg Vikernes (Burzum) übernimmt. Jack Kilmer verkörpert den tragischen Sänger Per Yngve „Dead“ Ohlin.
- Handlungsort und Zeit: Die Handlung spielt hauptsächlich in Norwegen in den frühen 1990er Jahren, einer Zeit, in der die Black-Metal-Szene durch Brandstiftungen an Kirchen und Mordfälle Schlagzeilen machte.
- Kontroversen: Der Film löste Debatten aus, insbesondere wegen seiner Darstellung von Gewalt und der Frage, ob er die Ereignisse romantisiere. Einige Überlebende der Szene kritisierten die fehlende Distanzierung von den Taten.
- Soundtrack: Der Soundtrack enthält sowohl originale Black-Metal-Stücke als auch neu aufgenommene Versionen klassischer Songs, darunter Mayhems „Freezing Moon“ und Burzums „Dunkle Skogen“.
- Veröffentlichung: Der Film hatte seine Premiere auf dem Sundance Film Festival 2018 und wurde später auf Netflix veröffentlicht, was ihm eine große Reichweite verschaffte.
Die Geschichte hinter dem Film: Mayhem und der norwegische Black Metal
Die Band Mayhem gilt als eine der einflussreichsten und umstrittensten Gruppen der Black-Metal-Szene. Gegründet 1984 in Oslo, wurde die Band schnell zum Symbol für den extremsten und gewalttätigsten Teil der Bewegung. Der Film „Lords of Chaos“ konzentriert sich auf die Ereignisse zwischen 1987 und 1993, eine Zeit, die von Tragödien und Skandalen geprägt war.
Einer der zentralen Momente ist der Selbstmord des Sängers Per Yngve „Dead“ Ohlin im April 1991. Sein Tod, der unter mysteriösen Umständen stattfand, wurde später in der Szene mythisch verklärt. Euronymous, der Gitarrist und ideologische Kopf der Band, soll Fotos von Dead’s Leiche an Fanzines und andere Bands verschickt haben – eine Tat, die im Film drastisch dargestellt wird. Diese Ereignisse markierten den Beginn einer Ära, in der Gewalt und Provokation zum Markenzeichen des norwegischen Black Metal wurden.
Ein weiterer zentraler Handlungsstrang ist der Konflikt zwischen Euronymous und Varg Vikernes, dem Mastermind hinter dem Ein-Mann-Projekt Burzum. Vikernes, der für den Mord an Euronymous 1993 verurteilt wurde, wird im Film als charismatischer, aber auch manipulierender Antagonist dargestellt. Die Dynamik zwischen den beiden Charakteren zeigt, wie Ideologie und Machtkämpfe die Szene spalteten.
Der Film geht auch auf die so genannten „Kirchenbrandstiftungen“ ein, eine Serie von Brandanschlägen auf christliche Gebäude in Norwegen, die zwischen 1992 und 1996 stattfanden. Diese Taten wurden von Black-Metal-Musikern verübt und sollten als Protest gegen den Christentum und die Gesellschaft verstanden werden. „Lords of Chaos“ zeigt, wie diese Ereignisse die öffentliche Wahrnehmung des Black Metal prägten und die Szene in den Untergrund drängten.
Die Darstellung der Black-Metal-Szene: Authentizität vs. Fiktion
Einer der größten Streitpunkte um „Lords of Chaos“ ist die Frage, wie authentisch der Film die Black-Metal-Szene darstellt. Jonas Åkerlund, der selbst Teil der Szene war, betonte in Interviews, dass er einen Film machen wollte, der die Atmosphäre und den Geist der Zeit einfängt – nicht unbedingt eine dokumentarische Rekonstruktion.
Tatsächlich gibt es einige historische Ungenauigkeiten. So wird im Film suggeriert, dass Varg Vikernes direkt für den Tod von Dead verantwortlich war, was in der Realität nicht der Fall ist. Auch die Darstellung von Euronymous als fast schon karikaturhafter Bösewicht wurde von einigen Zeitzeugen kritisiert. Dennoch gelingt es dem Film, die düstere, fast schon surreale Stimmung der frühen 1990er Jahre einzufangen.
Ein weiterer Aspekt, der den Film besonders macht, ist seine visuelle Ästhetik. Åkerlund setzt auf eine düstere, fast schon expressionistische Bildsprache, die die innere Zerrissenheit der Charaktere widerspiegelt. Die Szenen, in denen die Band in einem verlassenen Haus proben oder in den norwegischen Wäldern umherirren, vermitteln ein Gefühl von Isolation und Verzweiflung, das für die Black-Metal-Szene typisch war.
Interessant ist auch, wie der Film die Musik selbst einbindet. Während einige Szenen originale Aufnahmen von Mayhem, Burzum und anderen Bands verwenden, wurden für andere Szenen neu eingespielte Versionen der Songs verwendet. Dies gibt dem Film eine eigene, fast schon hypnotische Atmosphäre, die den Zuschauer in den Bann der Musik zieht.
Kontroversen und Reaktionen: Warum der Film polarisiert
Seit seiner Veröffentlichung hat „Lords of Chaos“ eine Welle von Diskussionen ausgelöst. Einer der Hauptkritikpunkte ist die vermeintliche Verherrlichung von Gewalt und Extremismus. Einige Kritiker warfen dem Film vor, er romantisiere die Taten der Black-Metal-Szene und mache sie damit für ein breites Publikum attraktiv. Besonders problematisch wurde die Darstellung von Varg Vikernes empfunden, der im Film als fast schon tragischer Held inszeniert wird.
Auf der anderen Seite gibt es auch viele Stimmen, die den Film als wichtige Auseinandersetzung mit einer oft missverstandenen Subkultur loben. Jonas Åkerlund selbst betonte, dass er mit dem Film zeigen wollte, wie eine Gruppe junger Männer durch Ideologie und Gewalt in den Abgrund gezogen wurde. In diesem Sinne kann „Lords of Chaos“ auch als Warnung vor den Gefahren von Extremismus und Fanatismus gelesen werden.
Ein weiterer interessanter Aspekt ist die Reaktion der Black-Metal-Szene selbst. Während einige Musiker und Fans den Film als respektlose Ausbeutung ihrer Geschichte ablehnten, sahen andere darin eine Chance, die Szene einem größeren Publikum näherzubringen. Besonders die Darstellung der Musik und der Atmosphäre der frühen 1990er Jahre wurde von vielen gelobt.
Der Einfluss von „Lords of Chaos“ auf die Popkultur
Trotz der Kontroversen hat „Lords of Chaos“ einen bleibenden Eindruck in der Popkultur hinterlassen. Der Film hat nicht nur das Interesse an der Black-Metal-Szene neu entfacht, sondern auch eine Debatte über die Darstellung von Extremismus in den Medien ausgelöst. In einer Zeit, in der rechtsextreme und gewalttätige Ideologien wieder an Einfluss gewinnen, wirft der Film wichtige Fragen über die Verantwortung von Künstlern und Filmemachern auf.
Darüber hinaus hat der Film auch die Musik selbst wieder in den Fokus gerückt. Bands wie Mayhem und Burzum erlebten nach der Veröffentlichung des Films eine Renaissance, und viele junge Musiker entdeckten den Black Metal für sich. Auch in der Mode und Kunstszene wurde der Film als Inspirationsquelle genutzt, was zeigt, wie sehr er die Ästhetik der Black-Metal-Szene geprägt hat.
Für Fans des Alternative Rock und Metal bietet „Lords of Chaos“ auch eine interessante Perspektive auf die Entwicklung der extremen Musikszene. Während der Black Metal oft als Nische betrachtet wird, zeigt der Film, wie sehr diese Bewegung die gesamte Musiklandschaft beeinflusst hat. Von der Ästhetik bis hin zu den ideologischen Debatten hat der Black Metal Spuren hinterlassen, die bis heute nachwirken.
Fazit
„Lords of Chaos“ ist mehr als nur ein Film über eine Musikrichtung – er ist eine Reise in eine der düstersten und faszinierendsten Epochen der Musikgeschichte. Mit seiner schonungslosen Darstellung von Gewalt, Ideologie und menschlicher Abgründigkeit fordert der Film den Zuschauer heraus, sich mit unangenehmen Themen auseinanderzusetzen. Gleichzeitig bietet er einen einzigartigen Einblick in eine Subkultur, die wie keine andere von Extremismus, Kunst und Rebellion geprägt war.
Ob man den Film als Meisterwerk oder als problematische Verherrlichung von Gewalt sieht, bleibt eine Frage der Perspektive. Doch eines ist sicher: „Lords of Chaos“ hat den Black Metal und seine Geschichte einem breiten Publikum nähergebracht und bleibt ein wichtiger Beitrag zur Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten der Musikszene. Für alle, die sich für die Geschichte des Alternative Rock und Metal interessieren, ist der Film ein Muss – nicht nur wegen seiner fesselnden Handlung, sondern auch wegen der Fragen, die er aufwirft.
Wer sich weiter mit der dunklen Seite der Musikgeschichte beschäftigen möchte, findet in unserem Artikel über politische Rock-Songs oder die Geschichte des Grunge spannende Einblicke in die Welt des Widerstands und der Rebellion.
FAQ
Ist „Lords of Chaos“ ein wahrer Film?
Ja, der Film basiert auf wahren Ereignissen und dem Buch „Lords of Chaos: The Bloody Rise of the Satanic Metal Underground“ von Michael Moynihan und Didrik Søderlind. Allerdings gibt es einige künstlerische Freiheiten und fiktionalisierte Elemente.
Wer spielt die Hauptrollen in „Lords of Chaos“?
Rory Culkin spielt Øystein „Euronymous“ Aarseth, Emory Cohen verkörpert Varg Vikernes und Jack Kilmer übernimmt die Rolle des Sängers Per Yngve „Dead“ Ohlin.
Warum ist der Film so umstritten?
Der Film polarisiert, weil er Gewalt und Extremismus thematisiert und von einigen als Verherrlichung dieser Taten kritisiert wird. Andere sehen ihn als wichtige Auseinandersetzung mit einer tabuisierten Subkultur.
Welche Bands werden im Film erwähnt?
Im Film spielen vor allem Mayhem und Burzum eine zentrale Rolle. Auch andere Bands der norwegischen Black-Metal-Szene wie Darkthrone und Emperor werden erwähnt.
Wo kann man „Lords of Chaos“ streamen?
Der Film ist unter anderem auf Netflix verfügbar. Je nach Region kann die Verfügbarkeit variieren.

